Das Ende der Leistungsgesellschaft, 
wie wir sie kennen.

Was passiert, wenn wir nicht mehr arbeiten müssen, da Roboter Millionen von Jobs übernehmen? Wenn alle wirtschaftlichen Absatzmärkte erschlossen und materielle Statussymbole unmodern sind? Stehen wir am Beginn eines neuen Zeitalters?

Auf der Philcologne 2017 sprach Richard David Precht über die Folgen von Digitalisierung und Automatisierung. Die vierte industrielle Revolution, wie er sie nennt, wird unser Leben in ungeahnten Ausmaßen verändern. Sein großartiger Vortrag ist gespickt mit provokanten Thesen. Einige haben wir für Sie herausgepickt. 

Minute 10:00
In 25 Jahren sind für die Hälfte der Leute keine Jobs mehr da.

Die Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die Digitalisierung werden bahnbrechend sein. Viele Arbeiten werden nicht mehr von Menschen erledigt. Jobs in der Fertigung werden durch 3D-Drucker und Roboter ersetzt, Computer übernehmen im Dienstleistungssektor viele Banken-, Versicherungs- und Verwaltungsjobs. Für die Menschen bleiben High-End-Jobs, von denen aber sehr wenig neue entstehen werden im Vergleich zu unendlich vielen Jobs, die wegfallen. Kurz: In 25 Jahren sind für die Hälfte der Leute keine Jobs mehr da. Die Leistungsgesellschaft, wie wir sie kennen, ist passé.

Minute 18:00
Der Hausarzt macht dicht.

Der Hausarzt, Allrounder und Experte für alles, ist nicht mehr gefragt. Patienten googeln ihre Krankheiten und überwachen sich mit Hilfe von Smartwatches selbst. Die Uhren ersetzen alle Maschinen, die in der Hausarztpraxis stehen. Puls, Blutdruck, Hormonspiegel, Blutzucker unterliegen einem 24/7-Monitoring: Die Uhr ist mit dem Krankenhauscomputer verbunden, der bei Unregelmäßigkeiten sofort Alarm schlägt. Übrig bleiben die High-End-Experten der Medizin und vielleicht Hausärzte, die das verkaufen, was keine Maschine bieten kann: Zeit, Zuhören, Zuspruch.

Minute 23:00
R2D2 wechselt die Bettpfannen.

Die Digitalisierung wird die Altenpflege wieder finanzierbar machen. Pflegeroboter kommen mit schweren, alten Menschen besser zurecht als Pflegerinnen. Kleine R2D2s wechseln die Bettpfannen. In Japan bereits im Teststadium wird die virtuelle Allzeitbetreuung durch sprechende Roboter auch uns bald erreichen. Wenn die Sensoren feststellen, dass das Bett zu kalt ist, wird ein echter Mensch kommen, um den Tod zu diagnostizieren.

Minute 26:00
Noch 30 Jahre bis zur Unsterblichkeit?
3D-Drucker produzieren aus Kunststoffgranulaten Armaturenbretter, aus Holzgrundstoffen Holz, aus Leberzellen Lebern. Noch sind diese Organe nicht lebens- und arbeitsfähig, noch läuft sehr viel schief. Aber die Forschung rechnet in 20 bis 30 Jahren mit funktionsfähigen Organen aus dem 3D-Drucker. Dann steht dem ewigen Leben nichts mehr im Weg – außer ein zu kleiner Planet.

Minute 27:30
Das Ende des Autokults steht bevor.

Das selbstfahrende Auto beendet unser libidinöses Verhältnis zu einer Blechkarosse. Es ist die Lösung aller Mobilitätsprobleme. Wir werden ein paar Euro an einen Provider überweisen und haben 5 Minuten später ein selbstfahrendes Auto vor der Tür. Die Folge: Man braucht keine parkenden Autos mehr. Nur noch die, die in Bewegung sind, und Tiefgaragen, in denen die Selbstfahrer der Provider stehen. Unsere Städte werden schöner. Landschaftsarchitekt für Großstädte wird ein neuer Beruf. In der sterbenden deutschen Automobilindustrie fallen 2 Millionen Arbeitsplätze weg.

Minute 30:00
Der SUV-Boom ist der Anfang vom Ende.
Nie waren die Dinosaurier so groß wie in der Kreidezeit – kurz bevor sie ausstarben! Es wird immer mehr selbstfahrende Autos geben, weil die Vorteile so überzeugend sind: 90% aller Unfälle sind menschliches Versagen, diese Unfälle fielen komplett weg. Voraussetzung: Die von Menschen gelenkten Autos verschwinden. Beide Systeme sind nicht kompatibel – genau wie 1900 die Pferdekutsche und das Auto. Es wird übrigens keine Wahlentscheidung geben. Man wird Sie nicht fragen, ob Sie das selbstfahrende Auto wollen. Sie wurden auch nicht gefragt, ob Sie ein Smartphone wollen. Es wird einfach da sein.

Minute 39:00
Nach 250 Jahren stirbt 2050 die Arbeits- und Leistungsgesellschaft.
Wie sieht eine Gesellschaft aus, wenn die Hälfte der Menschen keine Lohnarbeit mehr hat? Das wird spannend. Arbeit gehört zwar untrennbar zum Menschen dazu, Arbeit gegen Geld hingegen nicht. Werden wir den Kommunismus in seiner reinsten Form erleben? So wie ihn Marx und Engels 1847 definiert haben: Kommunismus ist, wenn ich morgens Schafe hüte, mittags fischen gehe und abends Bücher kritisiere, ohne doch je Hirte, Fischer oder Kritiker werden zu müssen.

Auf modern gesagt: sich in vielfältigen Dingen irgendwo einbringen. Das gibt es übrigens heute schon. Es heißt »Projekte«.

Minute 43:00
Die Migrationsbewegung wird sich erhöhen.

Es liegt an uns, ob wir die Digitalisierung und die damit verbundenen Gesellschaftsveränderung beklagen oder besingen. Sehen wir tatenlos zu, wird die Dystopie Realität. Es werden die Einfluss gewinnen, die keine Utopie haben, sondern die Dystopie fürchten und »Früher war alles besser« propagieren. Machen wir es gut, winkt uns eine Zeit, in der Roboter die miesen Jobs erledigen und die Menschen trotzdem genug Geld haben. Problem nur: Die Dritte Welt, die ausgelagerte Werkbank der reichen Länder, wird dann ebenfalls nichts mehr zu tun haben. Sie wird sich auf den Weg ins Schlaraffenland machen.

Minute 50:00
Kein Recht auf Reichtum.
Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert sein, in dem wir einsehen lernen, dass alles das, was wir für uns als Privilegien in Anspruch nehmen, nicht nur uns zukommt. Und weil wir nicht alle aufnehmen können, müssen wir alles tun, damit sich die Verhältnisse in diesen Ländern ändern. Sinnvolle Pläne dazu gibt es viele. Sie müssen nur endlich realisiert werden. Digitalisierung ist nicht losgelöst von Globalisierung zu betrachten.