Wenn die »Karriere« am Allerwertesten vorbei geht

Derzeit werden für 64 Prozent aller offenen Stellen Fachkräfte mit Berufsausbildung gesucht. Da lohnt es sich schon mal genauer hinzusehen, mit welchen Argumenten Arbeitgeber bei dieser Zielgruppe am besten landen. Der Online-Stellenmarkt meinestadt.de und das Marktforschungsinstitut respondi haben dazu im Juli 2017 insgesamt 2.024 Fachkräfte befragt.

Geld und Aufstieg sind zweitrangig

Die beiden Klassiker – Kohle und Karriere – landen abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Nur rund 20 % geben an, dass ein überdurchschnittliches Grundgehalt oder gute Aufstiegschancen sehr wichtig für sie seien. Ausschlaggebend für die Wahl eines Arbeitgebers sind ganz andere Faktoren. Für 63,7 % der Fachkräfte hat die Jobsicherheit oberste Priorität. Dazu gehört auch die pünktliche Gehaltszahlung (60,3 %). Für rund 50 % ist die Nähe des Arbeitsplatzes zum Wohnort ein entscheidendes Argument. Willkommen ist alles, was die tägliche Pendlerbelastung reduziert.

Mit E-Bike-Leasing punkten

In die gleiche Kerbe schlägt übrigens auch die ADAC Motorwelt im Oktober 2017 mit ihrem Titelthema »Pendler im Dauerstress«. Noch nie gab es so viele Pendler wie heute. Die Zahl der kürzeren Arbeitswege unter 25 km nimmt seit 1996 kontinuierlich ab, die Anfahrten über 25 km nehmen zu. 18,4 Millionen Menschen in Deutschland – umgerechnet 59,4 % aller Beschäftigten – fahren vom Wohnort zur Arbeit in eine andere Gemeinde. Mit einem Mal werden auf den ersten Blick so banale Benefits wie Job-Tickets für den ÖPNV, E-Bike-Leasing über den Arbeitnehmer oder Home-Office-Tage hochinteressant, um sich als Arbeitgeber beliebt zu machen.

Auf gute Zusammenarbeit

Auf den Plätzen 4 und 5 der meinestadt.de-Studie liegen weiche Faktoren wie die gute Beziehung zu Kollegen (45,2 %) und die gute Stimmung im Unternehmen (42,6 %). Das menschliche Miteinander ist den Fachkräften wichtiger als die berühmten, spannenden Arbeitsinhalte (25,4 %), die in so gut wie jeder Stellenanzeige angepriesen werden wie Sauerbier, unter denen sich aber niemand so recht etwas vorstellen kann.

Insgesamt wirft die Studie ein helles Licht auf die Präferenzen der Fachkräfte und macht einmal mehr deutlich, wie wichtig es für Arbeitgeber und ihre Agenturen ist, die anvisierten Zielgruppen exakt zu kennen und präzise anzusprechen.

Der persönliche Eindruck zählt

Da verzeiht man auch gerne das allzu forsche Resümee der Geschäftsführung von meinestadt.de, wenn es am Schuss um die Frage geht, woran man einen guten Arbeitgeber erkennt. 68,8 % der Befragten vertrauen hier logischerweise auf den persönlichen Eindruck im Vorstellungsgespräch. Für 58,4 % zählen die Erfahrungen von Freunden und Bekannten. Nur für 15,6 % sind Karrierewebsites sehr wichtig, um einen guten Arbeitgeber zu identifizieren.

Daraus zu schließen, dass »die bislang verwendeten generischen Kommunikationsbausteine aus Karrierewebsites und Stellenanzeigen […] an Fachkräften mit Berufsausbildung völlig vorbei [gehen]«, erscheint doch sehr gewagt. Vermutlich ist diese Fehlinterpretation dem Umstand geschuldet, dass den Betreibern von Jobbörsen alles ein Dorn im Auge ist, was die eigenen Klickzahlen reduziert.